Tobias Elsäßer

Tobias Elsäßer
Tobias Elsäßer, geboren 1973, arbeitet als freier Journalist, Autor und Gesangslehrer. Darüber hinaus leitet er Schreibwerkstätten und Songwriter-Workshops für Jugendliche und schreibt Drehbücher. Gewinner des Kranichsteiner Literaturstipendium 2010.

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Tobias Elsäßer
Abspringen
Buch
ab 13 Jahren
978-3-7941-8091-2
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Interview

In Ihrem neuen Buch "Abspringen" geht es um das Thema Sex. Warum wird gerade dieses wichtige Thema in Jugendbüchern oft noch tabuisiert?

Ich glaube, es ist immer eine Gratwanderung über Sex zu schreiben. Sehr schnell wirkt es wie ein ernstes Sachbuch oder als Autor hat man den konservativen Pädagogen vor Augen, der beim Lesen die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und einen nicht mehr zu Lesungen einlädt. Jüngstes Beispiel ist der Kollege Jaromir Konecny, der von ein paar Schulen wegen zu freizügiger Formulierungen wieder ausgeladen wurde. Ich glaube, man darf dieses Thema nicht ignorieren, weil man Angst vor solchen Konsequenzen hat. Jugendromane sind auch immer ein Abbild der jeweiligen Zeit, in der sie spielen. Und wir leben nun mal in einer Welt, die sexualisiert ist. Ob Fernsehen oder Internet, Jugendliche wachsen heute anders auf als früher. Will man sie ernst nehmen, kommt man um dieses Thema nicht herum.
 
Bei Lesungen treffen Sie oft auf Jugendliche. Wie offen sind diese für "Tabuthemen" wie beispielsweise Sex?

Bei Lesungen geht es eher zurückhaltend zu. Anders ist es bei Schreibworkshops. In Schülertexten spielt Sex neben Gewalt eine große Rolle. Vor allem bei Jungen. Man bekommt den Eindruck, dass es um Leistung geht. Wer? Wie oft? Mit wem? Die Filmchen, die auf Schulhöfen kursieren,  zeigen eben nicht, dass Zärtlichkeit und Vertrauen zur Sexualität gehören. Über echte Gefühle und Ängste können meist nur die Mädchen reden. Erschreckend finde ich, wie intolerant mit gleichgeschlechtlicher Liebe umgegangen wird. Kaum kommt das Thema zur Sprache, wird mit Kraftausdrücken um sich geworfen. Es ist kaum zu glauben, wie viele Vorurteile in den Köpfen sind.
 
"Abspringen" beginnt mit einem großen 'Knall'. Wie wichtig ist ein spannender Romananfang? Und wie schwierig ist es, den Beginn einer Geschichte zu schreiben?

Die Lesegewohnheiten haben sich geändert, nicht nur bei Jugendlichen. Ich merke das auch an mir selbst. Früher habe ich Romanen mehr Zeit gegeben, um sich zu entwickeln, oder auch Durststrecken in Kauf genommen. Heute lege ich ein Buch schneller aus der Hand. Will man einen Unterschied zwischen Jugendliteratur und der für Erwachsenen machen, dann ist es vielleicht die Tatsache, das junge Leser einen langweiligen Anfang weniger verzeihen als Erwachsene. Dasselbe passiert übrigens auch bei Lesungen. Ein erwachsenes Publikum akzeptiert einen Autor, der einfach nur Texte vorträgt, Teenager tun das nicht. Sie wollen unterhalten werden.
Für den Anfang meines Romans habe ich ziemlich lange gebraucht. Ich habe ihn so oft umgeschrieben, bis ich ihn auswendig konnte und davon überzeugt war, dass er beim Leser funktioniert. Natürlich gibt es auch immer ein paar Freunde, die ich nach ihrer ehrlichen Meinung frage.
 
Die Hauptfigur Paul hat eine große Leidenschaft fürs Fotografieren. Machen Sie selbst auch gerne Fotos?

Ich liebe es zu fotografieren. Vor allem in Städten wie Berlin oder wie Anfang des Jahres in Havanna. Dort habe ich viele Bilder gemacht. Vor allem Menschen sind interessante Motive. Gesichter, die etwas zu sagen haben, aber auch bestimmte Szenen, die dem Betrachter Fragen aufwerfen. Wenn ich durch den Sucher blicke, ist das  für mich wie Yoga. Alles um mich herum verschwindet. 
 
Kira, Pauls erste große Liebe, hat das Tourette-Syndrom. Warum verliebt Paul sich ausgerechnet in sie?

In meinem Roman stellt sich Paul immer wieder die Frage, ob er normal ist. Ob seine Gedanken – nicht nur in Bezug auf Sexualität – einer vermeintlichen Norm entsprechen. Er begreift, dass Erwachsenwerden auch heißt, bestimmte Dinge nicht offen auszusprechen, will man nicht anecken. Kira wiederum hat Tourette. Sie kann nicht steuern, ob aus ihrem Mund Worte kommen, die andere vor den Kopf stoßen. Sie kann ihre Handeln nur schwer kontrollieren,  und trotzdem scheint sie mit ihrem Leben klarzukommen. Davon ist Paul fasziniert. 
 
Bietigheim, Juli 2009
 

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